Warum Hartz4-Empfänger einen Beistand brauchen

Veröffentlicht: 16. Dezember 2012 in Coaching, Gesellschaft, Persönlichkeit, Politik, Soziales
Schlagwörter:, , , , , , , , , , ,
Eine Betrachtung psychologischer Hintergründe und Wirkungen beim Einsatz einer dritten Person bei Amtsbesuchen nach §13 Abs. 4 SGB X
von Familiencoach Hans-Peter Weyer, Duisburg

Seit  einigen Monaten gibt es eine Initiative mit dem Namen “Wir gehen mit –  Die Mitläufer e.V.”. Die Initiatoren und Mitstreiter haben sich zum Ziel  gesetzt, dass niemand mehr ohne einen Beistand zu einem Amt muss. Das  Gesetz gibt in §13 Absatz 4 SGB X dazu die notwendige Grundlage. Was aber bringt solch ein Beistand? Die Idee der Initiative ist es, deeskalierend zu wirken, indem das scheinbare Machtgefälle zwischen Sachbearbeiter und Bürger durch eine dritte Person aufgehoben wird. Und die Erfahrungsberichte der bisher begleiteten Menschen zeigen deutlich,  dass dies offensichtlich der richtige Weg ist. Das klingt zunächst   einmal gut. Was aber geschieht in solch einem Fall tatsächlich mit den  beteiligten Menschen? Welche psychologische Wirkung hat die dritte Person beim Amtsbesuch? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen. 

Menschen  – das ist das Entscheidende! Es sitzen auf beiden Seiten des Schreibtisches Menschen. Und Menschen haben jeder für sich ganz persönliche Träume, Wünsche, Ideen aber auch Sorgen, Probleme, Ängste. Jeder der beiden Menschen auf den verschiedenen Seiten des  Schreibtisches hat zudem ganz verschiedene Erfahrungen, vielleicht unterschiedliche Ansichten, immer eine ganz andere Sozialisation. Sie sind in ganz unterschiedlichen Verhältnissen groß geworden, haben möglicherweise unterschiedliche Schulbildungen und ganz verschiedene  Möglichkeiten gelernt ihr Leben zu gestalten. Ich könnte hier noch eine  Menge Beispiele aufzählen, die diese beiden Menschen voneinander  trennen – ohne damit den Schreibtisch zu meinen.

Schon im normalen Zusammenleben der Menschen und in ihrer alltäglichen  Kommunikation finden solche Unterschiede oft Ausdruck in Missverständnissen, Streitereien und manchmal Unverständnis. Wieviel mehr kann es zu Spannungen kommen, wenn zu diesen in den jeweiligen Personen steckenden Differenzen, noch ein scheinbares Machtgefälle durch äußere Gegebenheiten hinzukommt?

Menschen, die ein Amt besuchen müssen, sind immer in einer Situation, die direkt oder indirekt ihre Existenz bedroht. Das Amt ist immer bedrohliche Obrigkeit für die persönliche Lebensführung. Wer weiß schon, was ihn  trotz aller Vorbereitung tatsächlich erwartet? Wie wird sich der  Sachbearbeiter verhalten, wie ist er grade drauf? Hat er Verständnis oder arbeitet er nach 08/15 alle “Nummern” ab? Entsprechende Ängste und Unsicherheiten sind ständige Wegbegleiter beim notwendigen Gang zum Amt.

Es steckt in der Natur des Menschen, dass es für Angst nur zwei Reaktionen gibt: Flucht oder Kampf! Diese aus Urzeiten instinktiv vorhandenen  Möglichkeiten sind auch heute noch Grundlage der Verhaltensweisen. Das führt zu unterschiedlichen Reaktionen in den Gesprächen. Auf der einen Seite wird aus Angst Unterwürfigkeit (Flucht) gezeigt und der Sachbearbeiter kann machen was er will. Auf der anderen Seite entsteht Streit, möglicherweise Aggression (Kampf), was den Sachbearbeiter zur “Gegenwehr” herausfordert oder ihn hindert ordentliche Arbeit zu leisten. Beides ist für den Amtsbesucher existenziell bedrohlich.

Doch auch der Sachbearbeiter steckt in dieser Situation. Auch er ist von  Ängsten und Unsicherheiten geleitet. Auf der einen Seite ist er dem  Dienstherrn verpflichtet, der Vorgaben macht. Auf der anderen Seite ist er auch dem Amtsbesucher verpflichtet, der von ihm zurecht sachkundige und hilfreiche Arbeit erwartet. Auch für den Sachbearbeiter kann eine  Entscheidung existentiell bedrohlich werden. Entweder durch Verlust des  Arbeitsplatzes oder durch Eskalation eines “Besucher-Angriffs”. Somit agiert auch er immer im Spannungsfeld zwischen Flucht und Kampf.

Diesem Spannungsfeld wollen “Die Mitläufer” entgegenwirken. Ihre Anwesenheit sorgt für moralische Unterstützung. Die Angst vor dem was kommen könnte, ist gemildert durch das Wissen “da ist einer an meiner Seite, ich bin nicht allein den Umständen schutzlos ausgeliefert”. Und das gilt für beide Seiten des Schreibtisches. Der Mitläufer ist im Spannungsfeld der  Ängste, Unsicherheiten und Urinstinkte sozusagen “die Brücke zur Zivilisation”.

In  einer zivilisierten Gesellschaft sollten wir in der Lage sein, Ängste, Unsicherheiten, Aggressionen und Urinstinkte im Griff zu haben und Kommunikation so zu gestalten, dass sie ohne aggressive Handlungen auskommt. Sie sollte im Idealfall dazu führen, dass alle Kommunikationspartner daraus einen Gewinn ziehen können. Leider bezeugen anwachsende Neigungen zu handfesten, nicht nur verbalen, Streitigkeiten  und agressiven Handlungen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen den Rückfall unserer Gesellschaft in die “Steinzeit der Kommunikation”.

Die Gründe dafür liegen u.a. in der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich immer mehr weg vom körperlichen und hin zum digitalisierten Leben gewandelt hat. Umso größer müssen die Anstrengungen sein handfeste körperliche Auseinandersetzungen durch verbale Attacken zu ersetzen oder, noch besser, Auseinandersetzungen ganz zu vermeiden. Um die  Gelassenheit zu erreichen Auseinandersetzungen zu vermeiden, ist jedoch eine ständige Kontrolle der persönlichen Lebensumstände notwendig. Nur die Kontrolle der persönlichen Lebensumstände, die Gewißheit über die eigene Situation entscheidend bestimmen zu können, kann zur nötigen Gelassenheit und zum Gefühl der Sicherheit führen – und damit eine lockere und gewinnbringende Kommunikation ermöglichen.

Die Schnelllebigkeit unserer globalen Welt, die Digitalisierung der Lebensumstände und die Avatarisierung der Persönlichkeiten erwecken den  Eindruck immer mehr den Einfluss auf die persönlichen Lebensumstände zu verlieren. Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen Anderer beeinflussen die persönliche Existenz immer nachdrücklicher, bis hin zur  Abhängigkeit von persönlichen Meinungen, Stimmungen, Sympathien oder  Antipathien eines Sachbearbeiters oder Amtsbesuchers. Der Verlust der Steuerungshoheit für das eigene Leben führt ständig fortschreitend zum Verlust zivilisierter Umgangsformen zu Gunsten der ureigenen Instinkte des Individuums.

In diesem Dilemma treffen Amtsbesucher und Sachbearbeiter aufeinander und  müssen nun zivilisiert miteinander kommunizieren. Es dürfte jedem klar sein, dass dies in der vorgegebenen Konstellation äußerst schwierig ist. Schnell gibt ein Wort das andere, jeder der Beteiligten hat den Eindruck die Kontrolle zu verlieren und schaltet schon fast automatisch in den “Urinstinkte-Modus”, und damit auf Flucht oder Kampf. Dabei bleibt immer einer von beiden auf der Strecke.

Aufgabe eines Mitläufers, wie ihn der Verein “Wir gehen mit – Die Mitläufer  e.V.” definiert, ist es, als Beobachter eine zivilisierte Kommunikation mit dem Willen zur Win-Win-Situation zu ermöglichen. Der Mitläufer schafft allein durch seine Anwesenheit die Brücke von den Urinstinkten der Beteiligten zum zivilisierten Miteinander. Das ist jedoch nur möglich, wenn er selbst Vorurteilsfrei auf beide Seiten zugehen kann.

Hier ist der besondere Ansatz der “Mitläufer” im Unterschied zu vielen anderen Hilfsorganisationen besonders wichtig: Der Mitläufer ist als  Beistand nicht Helfer zur Durchsetzung von Rechten (oder Pflichten), sondern er ist Helfer zur Schaffung und Erhaltung einer Kommunikationsbasis zwischen den Beteiligten. Nur wenn die Beteiligten miteinander reden können, können Missverständnisse, rechtliche Grundlagen, persönliche Notwendigkeiten, usw., wirklich geklärt und eine  Gewinnsituation für alle Beteiligten erreicht werden.

Insbesondere in der prekären Lage der Alg2-(Hartz4)-Empfänger, in der es  ausschießlich um grundsätzliche und existenzielle Fragen beim Besuch der  Sachbearbeiter der Jobcenter geht, ist die deeskalierende Funktion  eines Beistandes nach Ansatz der Mitläufer inzwischen zur  lebenswichtigen Notwendigkeit geworden. Es hat in diesem Bereich den  Anschein, als hätte der politische Wille bei der Sozialgesetzgebung die Möglichkeit der Eskalation bewußt in Kauf genommen, ohne Schutzmaßnahmen  für Sachbearbeiter und Amtsbesucher einzubeziehen. Hier sollten beide Seiten für die Einbeziehung eines neutralen Beobachters in Person eines  Beistandes dankbar sein und die ehrenamtliche Hilfe der Mitläufer begrüßen und fördern.

 Quellenangaben
Mehr über den Verein “Wir gehen mit – Die Mitläufer e.V.” gibt es auf der Homepage des Vereins http://www.wirgehenmit.org
Der Ansatz und der Kodex der Mitläufer sind hier zu finden:

Der aktuelle “Mitläufer”-Flyer zum Download
WGM A6 Flyer

About these ads

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s